Konzept Deutsch

Posted on October 6, 2008

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Nomadic Settlers Settled Nomads

Konzept für eine Gruppenausstellung

Intro

Immer schon hatte der Mensch das Bedürfnis umherzuziehen, zu reisen, den Blick über seinen gewohnten Horizont hinaus zu werfen. In Literatur und Kunst finden sich zahlreiche Werke, die diese menschliche Sehnsucht nach der Fremde thematisieren. Mindestens ebenso umfangreich sind jedoch auch die Arbeiten, die sich mit dem Gegenteil befassen: dem Bedürfnis des Menschen nach einer Heimat, nach einem festen, vertrauten Lebensmittelpunkt, an dem er sich ansiedeln kann, der ihm Schutz und Sicherheit bietet. Sesshaft sein und nomadisch umherwandern, die Sehnsucht nach der Fremde und die Sehnsucht nach der Heimat sind zwei Seiten des Menschen, die sich zu widersprechen scheinen und doch nicht voneinander zu trennen sind.

Geradezu paradigmatisch für dieses Paradox ist die Romantik, in der beide Bedürfnisse des Menschen zu zentralen Motiven geworden sind. Sich auf Wanderschaft begeben, hinaus in die weite Welt ziehen ist ein häufig wiederkehrendes Moment, das in Gemälden und Texten umgesetzt wird: Mit dem Rücken zum Betrachter steht etwa das Bildpersonal in Caspar David Friedrichs „Kreidefelsen auf Rügen“ (1818) und blickt auf das weite Meer hinaus. Zugleich ist in den politisch sehr bewegten Zeiten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts der Wunsch nach dem wahren Zuhause, die Suche nach der ursprünglichen Natur der Welt als der Heimat aller Menschen ein treibendes Moment, das etwa in Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“ zum Ausdruck kommt:

Es war, als hätt’ der Himmel / Die Erde still geküßt, / Daß sie im Blütenschimmer / Von ihm nun träumen müßt./[… ]/ Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.

(J. v. Eichendorff, Mondnacht, 1837).

Nomadic Settlers vs. Settled Nomads: HEIMAT

Was ist Heimat? Wo ist Heimat?

Ist Heimat der Geburtsort oder der Wohnort? Das Dorf, die Stadt, das Land, der Kontinent, in dem man lebt? Oder ist das räumliche Zuhause nicht vielmehr nur eine Facette eines sehr komplexen Phänomens, das allen vertraut ist, mit dem man sich jedoch selten bewusst auseinandersetzt? Spielt das soziale Zuhause, die Freunde, die Familie, die Traditionen und Gebräuche nicht mindestens eine ebenso bedeutende Rolle?

Lässt man sich ein auf die zunächst simpel klingende Frage nach der Heimat, eröffnen sich Antwortmöglichkeiten, die ebenso zahlreich wie subjektiv sind.

Der Großteil der Europäer etwa, die über die Jahrhunderte eine sesshafte Lebensweise entwickelt haben, wird Heimat in irgendeiner Form als einen räumlichen Rückzugsort lokalisieren, der Schutz und Sicherheit gewährt. Ein nomadisches Volk hingegen wird andere Antworten finden: Die Welt an sich ist Heimat, in der man in und mit der Gruppe lebt. Heimat bekommt eine zeitgebundene Konnotation.

Die Verbundenheit mit einer geografischen Heimat weckt starke Emotionen wie Liebe, Stolz, Patriotismus, wie sie etwa in der großangelegten Kampagne „Du bist Deutschland“ im Vorfeld der Fußball-WM 2006 propagiert wurden. Diese Gefühle werden einem umherziehenden Nomaden abgesprochen, der keine räumlich lokalisierbare Heimat hat.

Die Heimatgefühle können jedoch auch umschlagen und in entgegengesetzte Extreme ausarten: Die (zu) starke Fixierung auf die eine Heimat weckt ein übersteigertes Schutzbedürfnis des Zuhauses, das Fremde als Eindringlinge abwehren und sich gegen „Feinde“ und „Bedrohungen“ verteidigen muss. Heimat kann Abgrenzung und Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auslösen.

Der nomadischen Lebensweise wird meist mit Skepsis begegnet, aber ist das Umherziehen den sesshaften Siedlern heute wirklich so fremd? Reisen, Wohnortwechsel, Berufspendeln leben nicht auch sie bestimmte Formen des Nomadismus?

Nomadic Settlers? Settled Nomads?

Nomadic Settlers vs. Settled Nomads: WANDERSCHAFT

Durch das Reisen und die Begegnung mit anderen Orten, Ländern und Kulturen öffnet sich der Blick für das Andere. Mit der räumlichen Bewegung über die gewohnten Grenzen der Heimat hinaus geht auch eine geistige Entgrenzung einher. Gegenseitige Akzeptanz und Verständnis wachsen. Nicht umsonst heißt es „Reisen bildet“. Ebenso bietet das Reisen aber auch die Chance, die eigene Heimat wirklich zu sehen und zu schätzen. „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben“ (Theodor Fontane).

Historisch

Die Wanderschaft sowohl von Völkern als auch von einzelnen Menschen ist so alt wie die Menschheit. Die Zeit der Völkerwanderungen als Übergangsphase von der Spätantike zum Frühmittelalter ist zum feststehenden Begriff geworden. Da diese Umsiedlungsbewegungen jedoch oft mit kriegerischen Begegnungen, Zerstörung und materiellem Niedergang verbunden waren, wird der Begriff der Völkerwanderung meist mit negativen Assoziationen verbunden.

Übersehen wird dabei, dass die Wanderschaften von Völkern wie von einzelnen Personen und Gruppen einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet haben für die Verbreitung von technischen Errungenschaften und Kultur. Wie sonst hätte sich Wissen verbreiten können? Beispielhaft sind etwa die Bauhütten im Mittelalter, deren Baumeister und Handwerker von einer Baustelle zur nächsten zogen. Anders hätte sich der gotische Stil in relativ kurzer Zeit nicht so erfolgreich und flächendeckend ausbreiten können.

Gerade Künstler haben sich zu allen Zeiten oft nur für einen begrenzten Zeitraum an einem bestimmten Wohnort aufgehalten – etwa, um dem Ruf eines neuen Auftraggebers zu folgen wie Leonardo da Vinci an den französischen Hof oder Peter Paul Rubens, der als Diplomat und Künstler in Spanien, Frankreich und England tätig war. Oft geschah es auch aus eigenem Antrieb, so etwa bei dem Großteil der Künstler der frühen Moderne wie Pablo Picasso, Henry Miller, Man Ray, Salvador Dalí, Max Ernst oder Joan Miró, die es in die Kunstmetropole ihrer Zeit, nach Paris zog.

Heute

Auch heute bestimmt der Nomadismus nach wie vor den globalen Alltag. Wanderarbeiter in China reisen den megalomanischen Bauprojekten an der Westküste hinterher, um für einen Hungerlohn unter oft lebensgefährlichen Bedingungen auf ungesicherten Baustellen zu arbeiten. Billiglöhner aus dem Vorderen Orient leisten in Dubai geringqualifizierte Arbeiten, leben in Massenunterkünften vor der Stadt mit miserablen sanitären Anlagen und werden Tag für Tag an ihre Arbeitsstellen gekarrt. Wer seine Arbeit verliert, hat das Land innerhalb von 30 Tagen zu verlassen.

Aber auch in Deutschland ist die Arbeitsmigration – neudeutsch: Jobnomadismus – (wieder) ein hochaktuelles Thema. Jobnomaden sind gezwungen, der Arbeit und dem Geld hinterherzuziehen. Sie verlassen ihre Familie, ihr soziales Umfeld, ihre vertraute Umgebung. Nicht immer geschieht dies aus freien Stücken.

Nomadic Settlers? Settled Nomads?

Ausstellung: Nomadic Settlers – Settled Nomads

Ausstellung

Die Gruppenausstellung Nomadic Settlers – Settled Nomads gehört zu einem Ausstellungs-Triptychon, das sich mit der umfangreichen Thematik des Heimatgefühls der Menschen in seinen vielschichtigen Facetten beschäftigt. Die Teile 1 und 2 finden im Herbst 2008 statt: This world is not my home, Kunsthaus Tacheles Berlin und Consciences and Frontiers.

Der zeitliche und räumliche Abstand bietet die Chance eines Szenen-Wechsels, der neue Blickwinkel auf die Thematik ermöglicht. Fragen, die aufgeworfen wurden, können aus der Distanz erneut aufgegriffen, weitergedacht, neu angegangen werden. Eingeladen werden junge internationale Künstler, von denen einige bereits an den ersten Teilen mitgewirkt haben, andere neu an Bord geholt werden. Während die erste Gruppe von Künstlern ihre Auseinandersetzung mit der Thematik reflektieren und weiterentwickeln kann, bringen die anderen Künstler neue Impulse und Perspektiven ein. Ein Prozess der Kommunikation von Künstlern und Werken, eigenen und fremden Projekten, alten und neuen Arbeiten setzt ein, an dem die Besucher der Ausstellung aktiv teilhaben.

Für Nomadic Settlers – Settled Nomads werden sechs internationale Künstler eingeladen, sich mit dem Paradox im Wesen des Menschen, seiner Sehnsucht nach der Fremde und der Sehnsucht nach einer Heimat auseinanderzusetzen. Sie beschäftigen sich mit Fragen, die das umfangreiche Thema aufwirft – seien es globale Phänomene, sei es die Situation in ihrem Land, sei es ihre persönliche Lebenssituation – und formulieren mit den Möglichkeiten der Kunst ihre individuelle Sichtweise, ihren persönlichen Kommentar zu der im Konzept umrissenen Thematik. Dabei soll es nicht Ziel sein, Antworten zu finden, sondern Fragen aufzuwerfen, Probleme bewusst zu machen, zum Nachdenken anzuregen.

Die ausgewählten Künstler mit verschiedenen Nationalitäten und Lebensmittelpunkten auf der ganzen Welt arbeiten mit unterschiedlichen Gestaltungsmedien und thematischen Herangehensweisen: Vertreten sind dabei Fotografie, Grafik und Malerei, Installation und Skulptur. Die Besucher der Ausstellung werden die Möglichkeit haben, nicht nur innovative junge Künstler kennenzulernen, sondern in der Vielfalt der Kunstwerke auch Einblicke in eine spannende und nach wie vor hochaktuelle Thematik zu gewinnen.

Kuratoren

Das junge Kuratoren-Team Simone Kraft, Pauline Doutreluingne und Bonaventure S. B. Ndikung haben nicht nur mit jungen und innovativen Künstlern aus aller Welt zusammengearbeitet, sondern sie verkörpern mit ihren Lebensläufen, die sie zwecks Studiums und Arbeit an mehrere Orte auf der Welt geführt haben, selbst auch die Nomadic Settlers Settled Nomads.

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Posted in: Concept, Exhibition